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Karesen

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Ich lese gerade

Playing to the Gallery: Helping Contemporary Art in its Struggle to be Understood
Grayson Perry

Uff...

— feeling dead
Jahrmarkt der Eitelkeit - Theresa Mutzenbecher

Ich möchte diese Rezension mit einem meiner Lieblingszitate aus dem Buch beginnen: 

Ein vornehmes Publikum wird es ebensowenig vertragen, eine abenteuerliche Schilderung des Lasters zu lesen, wie eine wirklich feingebildete Engländerin oder Amerikanerin es dulden würde, dass das Wort "Hosen" vor ihren keuschen Ohren ausgesprochen wird.

 

Tja, ich hätte doch eine Schilderung des Lasters im Buch doch hin und wieder gerne gelesen, alles sehr gesittet, gelegentliche Ausrutscher werden sehr blumig versteckt thematisiert... so viel zu meiner Keuschheit und feinen Bildung. 

 

Im Buch geht es um die sozialen Verstrickungen von hauptsächlich zwei Familien mit den beiden heimlichen Hauptdarstellerinnen Rebecca und Amelia, die beide aus verschiedenen Verhältnissen stammen und beide aus verschiedenen Gründen eine wilde Achterbahn von sozialem Auf- und Abstieg mitmachen. Keiner der Personen ist einem in diesem Buch wirklich ausnahmslos sympathisch, entweder aus mangelnder Intelligenz oder durch soziale Defizite und Ränkeschmiederei. Ausnahme ist hier vielleicht nur der gutherzige Major Dobbin, der durch seine unerwiderte Liebe zu Amelia lange mein Mitleid erregte. 

Insgesamt habe ich mich, wie auch einige meiner werten Mitleser, doch etwas langsam durch das Buch geknabbert. Obwohl es durchaus sehr nett geschrieben ist und der Autor es versteht sehr scharfsinnig und mit einigem Witz (insbesondere bei der Wahl einiger Namen -> Sir Huddlestonfuddleston, Lady von Schlippenschloppen) durch die Geschichte zu führen, hat die Geschichte doch so einige Längen. Obwohl in den etwa 900 Seiten durchaus interessante, gar aufregende Dinge passieren (Tode, Schicksalsschläge), so hat man beim Lesen doch immer etwas das Gefühl, es würde eigentlich nichts so wirklich passieren.  Problematisch war auch an einigen Stellen, dass viele der Charaktere auf gleiche Nachnamen hören und auch inkonsequent zwischen Vor- und Nachnamen gewechselt wird. Von welcher der drei (!) Miss Crawleys ist denn nun gerade die Rede und ist es Sir Pitt Crawley senior oder junior von dem gesprochen wird? Auch verschwinden einige Figuren einfach in irgendwelchen Nebensätzen, ob nun unerwartet gestorben oder einfach unwichtig geworden. 

 

Insgesamt ist "Jahrmarkt der Eitelkeiten" ein nettes Buch für den versierten, ausdauernden Leser und gibt viele Einsichten in die Denkwelten der höheren Gesellschaft in England in der Mitte des 19. Jahrhunderts. Kann man durchaus mal lesen, ist aber keine leichte Lektüre für zwischendurch. 

 

P.S.: Der Film "Vanity Fair" mit Reese Witherspoon als Rebecca hat kaum etwas mit dem Buch zu tun und ist, außer eingefleischten Schnulzenfans, nur bedingt zu empfehlen.